Dominanz – was soll das?

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„Dein Hund ist ja total dominant!“, der Hund will immer der Chef sein oder er ist ängstlich und zieht sich lieber zurück… Dominante unterdrücken andere und wollen die Macht über dich gewinnen, sie wollen dich zwingen, deine Autonomie begrenzen, sind moralisch schlecht. ODER: sie kämpfen für dich, stehen für andere gerade und setzen durch ihre starke Führung das um, was du nicht schaffst. Und klar, das ist immer eine Frage der Persönlichkeit: eine dominante Persönlichkeit ist aggressiver unterwegs als andere!

Mensch Meier! In die Kiste „Dominanz“ wird ja allerhand reingeschmissen. Aber, was stimmt denn nun?

Warnung: du musst beim Lesen den Kopf anlassen!

01 Definition von Dominanz

Vorhang auf für DIE DOMINANZ – verehrte Damen und Herren, sehen Sie wie sie glitzert und glänzt! Hier ist sie, die unangefochtene Quenn of fame in der Halle der Märchen und Mythen! Viele Bücher wurden über sie geschrieben, Filme gedreht. Jahrzehntelang prägte sie den Umgang zwischen Menschen mit ihren Hunden – heute auch endlich zu Gast in unserer Show!…

Also eins mal vorneweg: im Hundetraining gibt es Seemansgarn, ultra viel Seemansgarn. Und die Dominanz zählt zu den liebsten Mythen um die man viel ranken kann 😉

Ok! Krempeln wir die Ärmel hoch, da gibt es ja viel zu überlegen. Damit wir uns etwas leichter tun, benutzen wir die Definition von Dominanz, die ChatGpt mir ausgespuckt hat (in der freien Version :)). ChatGpt schreibt mir:

Dominanz bezeichnet die Fähigkeit oder Position einer Person, eines Tieres oder einer Gruppe, in sozialen Interaktionen überproportionalen Einfluss auszuüben, insbesondere in Bezug auf Entscheidungen, Ressourcen, Verhalten anderer oder die Gestaltung von Hierarchien. Sie entsteht nicht isoliert, sondern immer im sozialen Kontext und zeigt sich durch wiederholte Interaktionen, in denen ein Akteur regelmäßig Vorrang, Durchsetzungskraft oder Kontrolle hat.

Mmh, ist auf jeden Fall schon mal spannend. Das tolle an Definitionen ist ja, dass sie beschreibend sind und nicht wertend. Sie bieten uns also einen abgesteckten Rahmen, in dem wir uns weiter hangeln können. Erstaunlicherweise kommt in dieser Definition nicht einmal das Adjektiv „stark“ vor, oder andere Wörter, mit denen wir Dominanz meistens assoziieren.

02 Dominanz und Schwäche

Wie schon gesagt: meistens fühlen wir die Definition von Dominanz mit negativen Gefühlen von Einschränkung oder aber auch von sehr viel Wirksamkeit – wir können die dominanten sein, die sich als wirksam erleben oder wir bewundern die Wirksamkeit einer dominanten Person, die wir beobachten. Beides, Einschränkung und Wirksamkeit, liegt in der Definition von Dominanz. Nun stellt sich die Frage: Dominanz und Schwäche: wie soll das denn zusammen passen? Ok, damit du hier nicht die Lust am lesen verlierst und ich dir die Definition von Schwäche noch um die Ohren haue, benutze ich jetzt einfach mal ein Beispiel.

Beispiel 1 Wir nehmen das Beispiel eines Säuglings. Unser Säugling hat es geschafft, er hat seine Geburt heil überstanden und ist nun glücklich auf die Welt gekommen. Problem: er kann sich selbst überhaupt nicht helfen. Er ist schwach, er ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Was macht unser Säugling? Er beginnt direkt zu kommunizieren. Er gurgelt, gluckst, quietscht, meckert, piepst oder schreit – wenden wir das mal auf viele Tierkinder an, also Hundekinder, Menschenkinder, Vogelkinder usw. Was macht sein Umfeld? In der Regel sagt die Mutter nicht: „ach herrje, was ist das denn? Damit kann ich ja gar nix anfangen, ich gehe meiner Wege.“, sondern sie, und andere, beginnt sofort sich zu kümmern. Sie zeigt also ein Fürsorgeverhalten dem kleinen Kind gegenüber.

Frage: wer von beiden ist denn nun dominant? Die Mutter? Die starke, große, lebenserfahrene Person. Oder das Kind? Schwach, hilflos, ohne Lebenserfahrung bis hierher. Kurzer Blick in unsere Definition, da steht: „…bezeichnet die Fähigkeit oder Position einer Person, eines Tieres oder einer Gruppe, in sozialen Interaktionen überproportionalen Einfluss auszuüben…“ Aha! und weiter heißt es „…zeigt sich durch wiederholte Interaktionen, in denen ein Akteur regelmäßig Vorrang, Durchsetzungskraft oder Kontrolle hat.“. Ok, wenn wir das jetzt mal auf unser Beispiel übertragen von einem Kind und seiner Mutter, dann sind ja beide dominant. Denn das Kind hat die Mutter am Wickel und zwingt sie durch seine Kommunikation, die bei ihr direkt auf ein auf Fürsorge ausgelegtes Hormonsystem trifft, es zu versorgen. Durch die Versorgung wird sie eines Teils ihrer Autonomie und ihrer Kontrolle beraubt, sie gibt einen großen Teil ihrer Autonomie und Kontrolle über ihr Leben ab um die Bedürfnisse ihres Kindes zu erfüllen. Das Kind hat also in der Beziehung zu ihr (soziale Interaktion) die Position überproportionalen Einfluß auszuüben. Es bestimmt also das Verhalten seiner Mutter. Die Mutter wiederum hat theoretisch die Möglichkeit sich aus dieser Situation zurückzuziehen. Das wäre der Fall, wenn sie auf die kommunikativen Signale des Kindes nicht oder nicht ausreichend einginge. Gründe dafür könnten sein, dass sie sich selbst in einer starken Stresssituation befindet und oder die Signale des Kindes nicht versteht und sich überfordert fühlt. Durch den Entzug ihrer Fürsorge ist die Mutter also dominant über das Kind. Sie kann auch durch die Ausführung ihrer Fürsorge dominant über das Kind sein, denn die Entscheidung, ob der Popo sauber gemacht wird oder nicht, liegt bei ihr.

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Ganz interessant wird so etwas auch im Beispiel mit psychischen Erkrankungen. Psychisch Erkrankte erscheinen vordergründig häufig als schwach. Blickt man etwas tiefer, erkennt man starke dominante Motive, z.B. das Ausüben von Kontrolle.

Dominanz ist also kein Ausdruck einer besonders starken Person im Sinne von körperlich oder geistig stark. Entscheidend ist, wie wir Dominanz interpretieren. Dominanz zeigt lediglich eine Wechelswirkung von Zu- und Abfluß an. Sie ist nicht zwingend Teil einer Persönlichkeit, sondern beschreibt Verhältnisse in einer Beziehung zwischen zwei Individuen. Und dabei auch oft nur in einem relativ kurzen Zeitintervall. Das Ding ist also nicht für immer und ewig so! Wichtig! Merken!

Das einzige Merkmal unserer Definition, welches mit Persönlichkeit in Zusammenhang steht, ist die Durchsetzungskraft. Du kannst dich also an dieser Stelle schon mal fragen, wie durchsetzungskräftig du bist und wie durchsetzungskräftig dein Hund.

03 Dominanz oder Tyrannei – Macht als Motiv

Bis hierhin haben wir ja schon mal ein anderes Bild auf die Dominanz geworfen und bekommen. Die Frage ist ja auch, wei konnte die Dominanz, die prinziepiell ja erstmal nur erklärend und doch recht harmlos ihrer Wege kommt, eigentlich in der Öffentlichkeit eine solche Brisanz entwickeln?

Zum Teil hat das sicher mit der lateinischen Übersetzung des Verbs zu tun: aus lat. dominārī ‚herrschen‘ entlehnt, zu lat. dominus ‚Herr, Besitzer, Gebieter‘. Ok. Im Grunde sagt das Wort: Hausbesitzer, nichts weiter. ABER: ein Hausbesitzer hatte gewisse Rechte und Pflichten, denn er/sie managte seinen Haushalt. Und in dieser Funktion als Manager seines Haushaltes, hatte der Dominus die Position um „…in sozialen Interaktionen überproportionalen Einfluss auszuüben, insbesondere in Bezug auf Entscheidungen, Ressourcen, Verhalten anderer oder die Gestaltung von Hierarchien.“. Gut, haben wir das also geklärt.

Wie gehört jetzt die Macht dazu? Oxford Languages definiert die Macht so: „Gesamtheit der Mittel und Kräfte, die jemandem oder einer Sache andern gegenüber zur Verfügung stehen; Einfluss“. Da haben wir es also wieder: Mittel und Kräfte – also Ressourcen, und Einfluß. Wir können damit also sagen, dass eine dominante Position auch eine machtvolle Position ist. Feddisch.

Unser Fühlen zur Dominanz ist also keine Sache der Definition, sondern eine Frage unserer Interpretation! Wir interpretieren einen Säugling nicht als dominant und mächtig – faktisch ist er es aber. Einen Hund, der viel ängstliches Verhalten zeigt, nehmen wir vordergründig nicht als dominant wahr, obwohl er in Echt die Strippen zieht und überproportionalen Einfluss auf unser Verhalten ausübt. Einen Hund dagegen, der in Hundebegegnungen absolut ausflippt nehmen wir sehr wohl als dominant wahr.

Warum interpretieren wir also eine dominante Person als uns übermächtig? Als vielleicht moralisch nicht korrekt, ausnutzend, ausbäutend, stark, unbesiegbar? Die Antwort darauf ist relativ simpel: als dominante Person bin ich mächtig durch den Einfluss, den ich habe. Diese Position fülle ich mit Verhalten. Ich kann meinen Einfluss nutzen um ein positives Erlebnis für mein Gegenüber zu schaffen, ich kann meinen Einfluss nutzen um Ausgeglichenheit zwischen uns beiden herzustellen und ich kann meine Position nutzen um für mich den größten Vorteil daraus zu ziehen. Je nachdem wie unser Leben verlief und welche Erfahrungen wir gemacht haben, interpretieren wir Verhalten durch eine bestimmte „Brille“. Das wiederum führt zum wiederkehrenden Gefühlserleben der eigenen Machtlosigkeit oder Wut gegenüber den Dominanten. Uns selbst vergessen wir in der Rechnung.

Beispiel 2 nehmen wir hierfür einen Hund, der bei Hundebegegnungen völlig ausrastet. Er übt damit Dominanz über seinen Hundeführer aus und auch über den entgegen kommenden Hund, dem er direkt die Botschaft sendet: bleib mir von der Pelle! Der Hund übernimmt im Prinzip das Management der Situation. Zu wessen Gunsten? Vordergründig zu seinen Gunsten. Er will auf Teufel komm raus den anderen Hund nicht in der Nähe von sich und seinem Hundeführer und nutzt seinen Einfluss in der sozialen Situation dafür.

Erinnern wir uns kurz an den Dominus, den Hausbesitzer, der seinen Haushalt lenkt und steuert. Er trifft Entscheidungen vor allem im Sinne seines Haushaltes – DAS IST SEIN WAHRES ZIEL! Täte er das nicht, würde der Haushalt zusammenbrechen, er würde pleite gehen und das wärs gewesen mit dem schönen Leben auf dem Canapè mit den Trauben. Der Dominus übernimmt also die Verantwortung für sich und alle, die mit ihm im Haus leben. Und der Hund? Der macht GENAU DASSELBE! Er übernimmt die Verantwortung für die Situation und vertreibt das Gegenüber. Kleiner Hack am Rande: die Strategien, die Hunde nutzen für dasselbe Ziel, können auch Ängstlichkeit oder Spielverhalten sein. Verantwortung ist: Verantwortung bezeichnet die Verpflichtung und Fähigkeit, für das eigene Handeln, Unterlassen oder Entscheiden einzustehen, die Folgen zu überblicken, sie zu tragen und sich dafür rechtfertigen zu können – gegenüber sich selbst, anderen oder einer Institution.

Krass? Ja. Das hast du bisher anders gesehen? Krass.

Und was ist jetzt die Tyrannei? Ganz easy erklärt. Tyrannei unter Tieren und auch im Zusammenleben zwischen Tieren und Menschen ist so gut wie ausgeschlossen.

Tyrannei ist im Grunde eine willkürliche Herrschaft über andere. Der Unterschied ist ganz einfach: während der eine Verantwortung für sich und andere übernimmt, ist der Tyrann Egozentriker, der willkürlich Entscheidungen zu seinen Gunsten trifft. Besonderes Merkmal ist die Willkür. Hunde treffen niemals willkürliche Entscheidungen.

04 Hierarchie und Dominanz

Machen wir diesen Abschnitt mal ganz kurz! Die Vorstellung von Rangordnung ist schön simpel und deswegen natürlich auch sehr beliebt – muss man ja auch wenig nachdenken. Das Tollste an der Idee der Rangordnung ist, dass laut Definition in diesem System Positionen unterschiedlichen Einfluss, Entscheidungsrechte und Ressourcenzugang haben. Diese Idee widerspricht der Idee, dass es in Gruppen vor allem darum geht, dass alle gut versorgt sind. Nicht nur eine Elite! Was beobachten wir bei Tiergruppen? Bedürfnisse, die befriedigt werden. Können die Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden, zerbricht die Gruppe – alle sind fein.

Hierarchie bezeichnet eine strukturierte Rangordnung von Personen, Gruppen oder Einheiten innerhalb eines Systems,
in der Positionen ungleich verteilt sind und mit unterschiedlichem Einfluss, Entscheidungsrecht oder Ressourcenzugang verbunden sind. Die Rangordnung ist meist relativ stabil, institutionalisiert oder sozial anerkannt und dient der Organisation, Koordination und Machtverteilung innerhalb des Systems.

Haben Hunde also eine Rangordnung im Sinne dieser Definition?

Nein!

05 Ist mein Hund dominant?

Auch diesen Abschnitt wollen wir recht kurz gestalten. Nicht, dass das ein oder andere Goldfisch-Tiktok-Gehirn nicht weiter durchhält :))

Antwort auf diese Frage lautet ganz klar: ja. Nächste Frage ist: bist du dominant (obwohl du vielleicht schwach bist)? Antwort: ja.

Es geht nicht um die Frage, ob jemand dominant ist – egal ob Hund oder Mensch. Es geht um die Frage, wer für wen und was die Verantwortung übernimmt. Und da Hunde einen anderen Blick auf die Welt haben als du und ich, sind es meistens aus Hundesicht die Hunde, die die Verantwortung für sich, dich und die Umwelt übernehmen. Nett, oder? Daraus resultieren häufig Verhaltensweisen auf die wir so gar nicht klarkommen: Leine ziehen, nicht hören, beißen, bellen, Rückzug usw. Und wir mit unseren Leckerlis winken können, soviel wir wollen 🙂

Also, wenn du raus kommen willst aus Denkmustern, die nicht der Realität entsprechen und raus willst aus herausforderndem Verhalten, dann raff dich auf und lerne Hunde zu verstehen! Du schaffst das!

Ganz liebe Grüße, deine Bianca

Hi, ich bin Bianca!

Seit 2007 züchte ich Hunde, ich habe Bio studiert und diesen Lernort "Hund" gegründet. Neben den Hunden und dem Schreiben ist Biologie - die Lehre von lebenden Systemen - meine heiße Leidenschaft! Verantwortungsvolle Hundehaltung beginnt mit Wissen! Ich will, dass du informierte Entscheidungen für deinen Hund und dich treffen kannst. Deshalb erkläre ich hier wissenschaftliche Erkenntnisse und helfe dir bei der Einordnung.

Bis demnächst, deine Bianca

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