Wo ist deine Wut?

Bild: Getty images

Kleiner Spoiler zu Beginn: Kopf anlassen beim Lesen, UND: es ist sogar ein Video eingebettet ;))

„Rita? Luur ens he, do is enna wütend!“ Rita kommt dazu und beschaut sich das Ganze. „Oh Jott, Gerti, un` nu?“, Rita: „Jott, isch wees et och net. Aber wesse wat isch ens jehürt han? Pass op: ‚in der Emotionsregulation nach Gross (1998) gilt Wut als prä-kognitive Emotion. Sie tritt auf, bevor rationale Einordnung möglich ist.‘ Kanns e´dir dat fürstelle?“ darauf Gerti:“Dat is ever janz schön unbequem. Und wat maache mr jetz?“ – „Jo, dat is jenau de Froch: wat maache mr jetz domet?“ Falls du Schwierigkeiten mit dem kölschen Platt hast, dann kopier dir den Absatz und schieb ihn durch den „Kölsch-Translater“ 😉

01 Was ist Wut?

Jeder von uns kennt das Gefühl von Wut: bei mir fängt sie irgendwo im Brustraum an und breitet sich dann über mein Gesamt-ich aus. Mein Bild für meine Wut ist nicht unbedingt Hitze, sondern eher Schlagkraft. Für mich fühlt es sich so an, als ob ich meine Faust nach vorne schlage. Wahrscheinlich züchte ich deshalb unter anderem Dackel – wenns reicht wird sofort gehandelt. Und das endet dann auch nicht nett für mein Gegenüber. Mir ist eine vernünftige Schlägerei lieber als langes Gezeter oder fieses hinter dem Rücken Getuschel.

So long, aber „Sach ma‘ , Frau Stahl, was hat denn jetzt bitte Wut in einer Hundeschule zu suchen?“ – wie Rita und Gerti schon eben in der Einleitung kommentiert haben: das ist genau die Frage. Und die Antwort darauf bleibe ich dir nicht lange schuldig: die meisten Menschen mit Hunden bräuchten überhaupt keine Hundeschule, wenn sie vernünftig mit ihrer Wut umgehen und sie vernünftig einsetzen würden! BÄHM, da habt ihr es wieder.

Begucken wir uns die Wut doch mal etwas genauer:

Wut ist eine Abgrenzungsaggression. Soweit, so gut.

Neurobiologisch ist die Wut im limbischen System zuhause. Dabei spielt insbesondere die Amygdala – das Wachsamkeitszentrum im Gehirn – eine tragende Rolle, denn sie aktiviert das sympathische Nervensystem:

  • Herzfrequenz steigt
  • Muskelspannung nimmt zu
  • Aufmerksamkeit verengt sich

Der Körper wird handlungsbereit gemacht. Ok, aber handlungsbereit wozu? Tja nu, wenn wir uns klarmachen, dass das Wachsamkeitszentrum aktiviert wird, die Amygdala, dann scheint ja irgendwas passiert zu sein, was zu dieser Aktivierung führt. Und das ist immer eine GRENZVERLETZUNG – körperlich, emotional, sozial. Die Wut ist also keine Störung oder irgend etwas, das man wegdiskutieren oder schönreden darf. Die BIOLOGISCHE FUNKTION von Wut ist Abgrenzung und Selbstschutz. Wut will nicht zerstören, Wut ist der Versuch Kontrolle über die eigenen Grenzen zurück zu gewinnen und damit Einfluss nehmen zu können auf das eigene Schicksal. Wut hat also erst einmal keinen deeskalierenden und zerstörenden Sinn! Wichtig, merken!

Im Alltag wird das zum Beispiel so sichtbar:

  • ein Kind trotz klarer Absprache wiederholt Grenzen überschreitet
  • ein Hund dauerhaft Signale ignoriert, weil Führung inkonsequent ist
  • Anforderungen von außen zunehmen, ohne dass Ressourcen angepasst werden

Ok, halten wir das bis hierher schon mal fest. Wut ist etwas GUTES. Denn Wut erlaubt handlungsfähige Abgrenzung!! Noch wichtiger!! Noch mehr merken!

Es geht bei der Wut also darum, dass sie ein Gefühl ist, dessen Moderation wir lernen müssen. Das funktioniert nur, wenn wir Resonanz auf unser Gefühl bekommen. Nur so können wir überhaupt einen Umgang mit Gefühlen lernen. Wenn du mehr erfahren willst, dann schau bitte in den Onlinekurs „STRESSMANAGEMENTSYSTEM.

Wir können also eine Wutregulation lernen. Gesunde Wutregulation bedeutet nicht Unterdrückung, sondern Integration. Der präfrontale Kortex ermöglicht es, die Aktivierung des limbischen Systems zu modulieren. Das kann aber nur funktionieren, wenn Wut:

  1. wahrgenommen wird
  2. benannt wird
  3. konsequent beantwortet wird

Diese kognitive Rahmung senkt nachweislich die physiologische Stressreaktion und ermöglicht handlungsfähige Abgrenzung.

„Aha, aha, aha…aber damit weiß ich jetzt etwas über mich, aber nicht, warum dieses Thema in der HUNDEschule auftritt!“ – Aber, aber, du weißt doch, dass du hier an einem Lernort bist und hier geht es immer um euch BEIDE: deinen Hund und dich. Denn am Ende des Tages können wir zwar viel „Training“ machen über einfache Konditionierung, aber konditionierte Verhaltensweisen regeln doch nicht euren Alltag. Das macht eure Beziehung, und dazu gehören nun mal zwei: du und dein Hund.

02 Wut ist etwas Schreckliches! Wut oder Gewalt?

Im ersten Abschnitt habe ich aufgeführt, dass Wut etwas GUTES ist. Diese Tatsache ist für viele nicht glaubbar, denn meistens wird genau das Gegenteil mit Wut verbunden, nämlich ein Gefühl, das alles andere als schön ist. Genau wie bei Rita und Gerti – Wut ist unbequem. Für viele viele Menschen ist Wut aber nicht nur unbequem, sondern löst eine große Stressreaktion aus. Und das sowohl auf der eigenen Seite, also „Ich fühle mich wütend.“ Als auch auf der anderen Seite „mein Gegenüber ist wütend.“. Ohje, ohje, was ist da wohl zu tun, wenn jemand wütend ist?

Hier packe ich mal kurz in die Suppenküchenpsychologie, denn es könnte ja gut sein, dass weder ich noch mein Gegenüber gelernt hat mit Gefühlen umzugehen….? Scheiße!

Denn Menschen, die die Wut anderer zu spüren bekommen haben, fühlten sich in diesen Situationen oft ohnmächtig, hilflos, alleingelassen, verängstigt.

Destruktive Wut führt zu Verletzungen, körperlich, durch Schläge und Co., und emotional.

Wer das erlebt hat, bei dem bleibt das Erlebte hängen UND er entwickelt eine Selbstschutzstrategie. Diese Selbstschutzstrategie ermöglicht das Zurechtkommen mit der wütenden Person. Warum wollen wir denn mit einer wütenden Person überhaupt weiter zurechtkommen? Blöder Penner, zieh Leine, geh deiner Wege… So einfach ist es leider nicht, denn meistens waren wir die Kinder und die Wütenden waren enge Bindungspersonen. Ein dreijähriges Kind allein ohne Eltern? Chancenlos am Leben zu bleiben.

Anpassung als Wutvermeidung – Also müssen wir es anders schaffen. Und meistens passen wir uns auf Teufel komm raus dem Wütenden an. Besonders perfide, denn meistens wird der Angepasste dafür auch noch weiter bestätigt. Anpassung ist gesellschaftlich angesehen, denn diese Personen sind unkompliziert, verständnisvoll und hilfsbereit (Und wir machen jetzt kein Fass auf – nicht jeder, der unkompliziert etc ist, ist auch zu stark angepasst).

Ha, und was passiert dann mit der Wut von demjenigen, der sich anpasst?

Das soziale Bindungssystem (u. a. ventraler Vagus, präfrontaler Kortex) ist darauf ausgelegt, Nähe zu sichern. Wenn Nähe als gefährdet erlebt wird, hemmt das Nervensystem aktiv aggressive Impulse – also auch Wut „Wenn ich mich anpasse, bleibt die Beziehung stabil.“. Und das geht natürlich nur auf Kosten der eigenen Integrität und führt manchmal so weit, dass Menschen überhaupt keine Wut mehr fühlen können.

Wie können wir denn jetzt unterscheiden zwischen guter und schlechter Wut?

Entscheidend ist die Differenzierung zwischen funktionaler und dysfunktionaler Aggression.

Abgrenzungsaggression

  • zeitnah
  • situationsgebunden
  • klar adressiert
  • dient der Selbstregulation

Destruktive Aggression

  • zeitlich verzögert
  • diffus oder überzogen
  • richtet sich häufig gegen Unbeteiligte
  • entsteht aus unterdrückter Wut

Ein klassisches Alltagsbeispiel:
Eine Mutter unterdrückt über Tage ihre Wut, weil „man ruhig bleiben sollte“. Sie erklärt freundlich, bittet mehrfach, reguliert ständig nach. Irgendwann explodiert sie wegen einer Kleinigkeit. Was als „Überreaktion“ wahrgenommen wird, ist neuropsychologisch betrachtet eine aufgestaute Abgrenzungsreaktion, die zu lange nicht ernst genommen wurde.

Gerade bei Menschen mit hoher Verantwortung (Eltern, Selbstständige, Lehrer…) wird Wut häufig moralisch bewertet und dadurch unterdrückt. Funktionieren ersetzt Fühlen. Die Grenze verschwindet jedoch nicht – sie wird nur unsichtbar.

In Beziehungen entsteht Wut häufig nicht durch offene Konflikte, sondern durch dauerhafte Anpassung. Anpassung bedeutet in diesem Kontext nicht Kompromissfähigkeit, sondern das wiederholte Zurückstellen eigener Bedürfnisse zugunsten von Harmonie, Stabilität oder Bindungssicherheit.

Um dem Teufelskreis direkt ins Gesicht zu sehen, müssen wir uns noch diesen kleinen Konflikt anschauen. Denn, und das erleben wir ja auch alle immer wieder wenn wir in Beziehung sind, in Beziehung kollidieren zwei Grundbedürfnisse miteinander: Bindung (Nähe, Zugehörigkeit, Sicherheit) und Autonomie (Selbstschutz, Abgrenzung, Authentizität). Anpassung priorisiert Bindung auf Kosten der Autonomie. Wut ist der emotionale Ausdruck der Autonomie, die sich zurückmeldet. Verdammt.

So, und jetzt kommen wir endlich zu dir und deinem Hund!

03 Dein Hund und Wut

Weißt du was das richtig Tolle an Tieren ist? Tiere sind in 99,999999999999 % der Fälle von FÄHIGEN Eltern groß gezogen worden. Und das macht Tiere zu GESUNDEN Lebewesen, die sich über so etwas wie Wut etc. überhaupt keinen Kopp machen müssen! Ist das nicht schön? Die sind einfach fein miteinander!

Das Ding ist, weswegen ich dir diesen Artikel schreibe, ich erlebe super super oft, dass Hundehalter ihren Hunden KEINE nötigen Grenzen setzen. Grund: oben beschrieben. Die nötige Abgrenzungsaggression wird dem Hund gegenüber NICHT aufgebracht.

Und es wird auch nicht verstanden, beziehungsweise gefühlt, dass Grenze setzen auch Geben ist!

Und wie das richtig geht siehst du hier:

Hier gibts ganz schön viel Resonanz von Mutti!

Wut ist ein Beziehungsregulator. Damit ist „gute Wut“ nicht beziehungszerstörend, sondern beziehungs- und bindungsfördernd. Tadaaaa – Überraschung! Denn sie reguliert Nähe und Distanz und zeigt an, wo Anpassung endet.

Was aber beobachte ich oft im Training? Der Hund baut, sorry!, Scheiße und der Hundehalter macht genau gar nichts! Das würde der Hundemama in dem Video im Lebtag nicht einfallen, sie handelt! Nicht ausgelebte, unterdrückte Wut ist also beziehungszerstörend. Das NICHT-UMGEHEN-KÖNNEN mit Gefühlen verursacht Bindungsunsicherheit! Das ist wirklich ganz ganz wichtig! Merken!

Aber zurück zu dir und deinem Hund. Wenn die Beziehung zwischen dir und deinem Hund stabil ist, dann ist Wut einfach nur ein Korrektursignal, nichts weiter. Ohne Bewertung, ohne Drama! Hier und jetzt in diesem Moment. Danach ist die Sache geklärt und alles läuft harmonisch weiter. Ende.

Tja, aber viele Beziehungen sind eben aus genannten Gründen wenig stabil und das verschlechtert sich, je weniger gesunde Wut im System ist. Oft vermeiden wir die eigene Wut, weil wir schon früh gelernt haben, dass unsere direkte Umwelt, also Zuhause, nicht mit unseren Gefühlen umgehen konnte. Wir verbinden mit unsrer eigenen Wut also:

  • Liebesentzug
  • Ablehnung
  • Beziehungsscheitern

und opfern damit unsere eigene Integrität. Sehr schlecht. Und sehr schlecht für deinen Hund. Und sehr schlecht für deine Mitmenschen.

04 Fazit

Beziehungen ohne Wut sind keine sicheren Beziehungen, sondern angepasste.

Wer die Wut also nicht ernst nimmt, beziehungsweise in Angst vor ihr lebt, verliert seine Grenzen. Und das zahlt NICHT auf eine gute Beziehung ein.

Hunde sind toll!

Nimm sie dir als Beispiel, nicht nur wie du mit deinem Hund umgehen solltest, sondern vielleicht auch mit deinen Mitmenschen. Tiere zu beobachten kann der Schlüssel zu einem gesunden Selbst sein – weiß ich aus eigener Erfahrung.

Wut ist keine emotionale Fehlfunktion, sondern ein hochpräzises Warn- und Regulationssystem. Sie zeigt an, wo Selbstschutz notwendig ist. Wird sie verstanden und integriert, führt sie nicht zu Aggression, sondern zu Klarheit, Struktur und Beziehungssicherheit.

Faszinierend für mich, wie wenig gut es Menschen schaffen sich ihrem Hund gegenüber abzugrenzen! Dabei ist doch das so dringend nötig. Frag dich doch einfach mal öfter: warum lasse ich das zu? Warum lasse ich zu, dass mein Hund an die Tür jagt wenn es klingelt, warum greife ich nicht ein, warum stehe ich passiv daneben, obwohl mein Fiffi in der Leine hängt? Warum lasse ich es zu, dass mein Hund mich verteidigt? Warum schaffen Fressnapf, Hundeschule und Co. es immer wieder mir Tonnen von Geld aus dem Portemonnaie zu ziehen, obwohl mein Hund doch nur mich Halsband Leine und ein gutes Futter braucht?

Dort, wo Wut keinen Platz hat, entsteht keine Harmonie – sondern Spannung.

So, und damit entlasse ich dich jetzt. Toll, dass du bis hierher gelesen hast! Großartig, dass du lernst und dich entwickeln willst!

Bilde dich weiter, auch ich bin damit noch lange nicht am Ende – herrlich 🙂

Bis bald, deine Bianca

Hi, ich bin Bianca!

Seit 2007 züchte ich Hunde, ich habe Bio studiert und diesen Lernort "Hund" gegründet. Neben den Hunden und dem Schreiben ist Biologie - die Lehre von lebenden Systemen - meine heiße Leidenschaft! Verantwortungsvolle Hundehaltung beginnt mit Wissen! Ich will, dass du informierte Entscheidungen für deinen Hund und dich treffen kannst. Deshalb erkläre ich hier wissenschaftliche Erkenntnisse und helfe dir bei der Einordnung.

Bis demnächst, deine Bianca

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